Buchbesprechung – Konstruiert, Instrumentalisiert, Politisiert: Geschichte im Fadenkreuz der armenischen Lobby (Brendon J. Cannon)

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Das vorliegende Buch ist die deutsche Übersetzung von dem Werk „Brendon J. Cannon, Legislating Reality and Politicizing History: Contextualizing Armenian Claims of Genocide (Offenbach am Main: Manzara Verlag, 2016).“ Dabei muss angefügt werden, dass die deutschsprachige Version eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe (zwei zusätzliche Kapitel) ist. Eines der neuen Kapitel behandelt die „Genozidresolution der Bundesrepublik Deutschland“ und das zweite die fehlende armenische Kampagne in Afrika.

Das Buch beinhaltet 12 Kapitel, neben dem Vorwort zur deutschen Ausgabe, eine Einführung von Prof. Dr. Michael Gunter (Autor von z.B. „Pursuing the Just Cause of Their People: A Study of Contemporary Armenian Terrorism“,“ Armenian History and the Question of Genocide“) und eine Schlussfolgerung.

Der Schwerpunkt von Cannons Arbeit liegt in der identitätsstiftenden Rolle des angeblichen Völkermordes für die armenische Identität. Dabei legt er dar, welche Rolle die Völkermord-Behauptungen für die Vereinigung der unterschiedlichen armenischen Diasporagemeinden spielen und wie diese Form der Identitätspolitik für ihre Lobbyarbeit zur Anerkennung der Ereignisse als „Genozid“ zu deuten ist. Er merkt an, dass die „Ereignisse von 1915 ein definierendes Merkmal für das armenische Selbst darstellen, vor allem für die Diaspora, und häufig andere Formen des armenischen Selbst vereinnahmen. Dies ist zweifellos nachteilig, weil diese auf das auserwählte Trauma beschränkte Form des Armeniertums Tausende Jahre armenischer Geschichte, politischer Macht, Christentum, Sprache und Kunst ignoriert.“ (S.  115). Dabei dient das „Othering der Türken“ als Völkermörder „als alternatives Bindemittel, das armenische Kirchen, Sprache und Politik nicht mehr aufbieten können“. (S. 53)

Entscheidend ist, dass die Lobby erfolgreich darin war ihr eigenes Geschichtsbild als eine anerkannte Meinung innerhalb der historischen Wissenschaft zu implementieren. Staaten, Bundesstaaten und Bundesländer werden durch den Opferkult, basierend auf den westlichen Vorurteilen gegenüber dem Islam und dem „barbarischen Türken“, zu Resolutionen bewegt. Jene Resolutionen haben zwar rechtlich/jurstisch keine Grundlage, doch dienen sie der Lobby als Druckmittel. Dabei sind die „Schlagworte „Leugnung und „Opferrolle““ allgegenwärtig und fungieren als Türsteher, um Kritik abzuwehren, kritisches Denken zu verhindern“ und vor „weitere[r] Forschung abzuschrecken“ (S.72).

Zum einen versucht man Wissenschaftler mundtot zu machen, die die Genozid-These infrage stellen wie zum Beispiel die weltweit anerkannten jüdisch stämmigen Nahost Experten Prof. Dr. Bernard Lewis (Autor von „Emergence of Modern Turkey“), oder den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Guenter Lewy (Autor von „Der armenische Fall: Die Politisierung von Geschichte Was geschah, wie es geschah und warum es geschah“). Zum Anderen wird der Versuch unternommen, die Republik Türkei zur Anerkennung der Tragödie als Genozid zu drängen. Man erhofft sich, dass die Türken dem Beispiel des ehemaligen linken Terroristen Taner Akcam folgen und sich eingestehen einen Völkermord begangen zu haben. Jener Taner Akcam dessen Bücher wissenschaftlich höchst fragwürdig sind.[1]

Die Darstellung der Rolle der Armenier im Ersten Weltkrieg muss sowohl von den Unterstützern der Genozid These als auch von den Gegnern umfassender, detaillierterer, und realistischer dargestellt werden. Cannon kritisiert auch die Türkei und ihre Instrumentalisierung des Gesetzes zur „Verunglimpfung des Türkentums“ als ein Mittel um Andersdenkende zum Schweigen zu bringen (Aktuell ist dies nicht mehr der Fall. Allerdings traf dies vor gut einem Jahrzehnt zu).

„Die Ironie, sollte es eine geben, ist, dass die gegnerischen armenischen und türkischen Lager beide versuchen, die Benutzung oder Nicht-Benutzung des Begriffs „Genozid“ zu kriminalisieren.“ (S. 76)

Die Rolle der armenischen Diaspora

Der Unterschied zwischen den Armeniern aus der Heimat und den in der Diaspora ist ein weiterer interessanter Faktor. Schließlich litten sie unter der sowjetischen Herrschaft und haben eine andere historische Erfahrung gemacht, als jene die in den westlichen Ländern aufgewachsen sind. Interessant wäre eine Untersuchung zur politischen Instrumentalisierung der Anerkennung der Ereignisse als Völkermord durch die Sowjetunion 1965 und die Ziele gegen die Türkei im Kalten Krieg.

Die Genozid Kampagne zielt entgegen der Außendarstellung nicht nur als Mittel zur Vergangenheitsbewältigung, sondern vor allem auf Reparationszahlungen und die Rückgabe von Land. Kurz: Ein Teil Ostanatoliens soll Teil der Republik Armenien werden.

„Im Fall des kollektiven Gedächtnisses der armenischen Diaspora werden Handlungen der einen Gruppe (das Selbst) und die Handlungen der Täter (der andere) mythologisiert. Alle Armenier … bleiben in diesem Szenario Opfer, unschuldig und unbescholten. Gleichzeitig werden und bleiben in diesem Mythos alle Türken Barbaren, die einen Genozid verübt haben.“ (S. 89)

Cannon stellt fest, dass die Armenier (1.) ein internationales Gericht nicht dazu bringen können rückwirkend ein Ereignis juristisch als Genozid zu bestimmen und (2.) durch ihre Kampagne eine definitorische Elastizität an den Tag legen was Genozid eigentlich bedeutet (und dabei gerne die Definition der UN umgehen). Dies führt zu einer Verwässerung des Begriffs.

Zu guter Letzt sei darauf hingewiesen, dass die wirtschaftlichen Folgen der Kampagne durch die armenische Diaspora und die illegale Annexion von Berg-Karabach[2] für die Republik Armenien erheblich wichtiger Natur sind. Sie hat (1.) zur Isolation geführt und (2.) die Republik Armenien zu einer indirekten Kolonie Russlands gemacht.

Fazit

Seine Ausführungen zur Struktur der armenischen Identität und die Rolle die die Völkermord-Kampagne dabei spielt, sind als hervorragend zu nennen! Er beweist wie wichtig die Genozid-These für die Konstruktion des armenischen Selbst ist und legt eindrucksvoll dar, dass eine offene Diskussion über die Ereignisse absolut abgelehnt wird. Dabei spielt Leid keine bedeutende Rolle, sondern vielmehr der explizite Gebrauch des Begriffs „Genozid“. Da jede Bezeichnung der Ereignisse außer „Genozid“ als ein „Eingeständnis der Niederlage verstanden“ (S. 379) wird. Dabei wird das Leid der armenischen Opfer für politische Zwecke instrumentalisiert und eine historische Aufarbeitung außerhalb dieser Begrifflichkeit verneint. Eine historische Aufarbeitung muss offen sein und darf keine rechtlichen Bedenken beinhalten.

Das Buch könnt ihr hier bestellen.

 

Quellen:

[1] Sahin, Erman: „Review Essay: A Scrutiny of Akçam’s Version of History and the Armenian Genocide“, Journal of Muslim Minority Affairs, Vol. 28, No. 2, August 2008; https://drive.google.com/file/d/0B-RU08P6-fyIZmZkNDE2NGUtNDJjMC00NWI0LTg4MzItODJmY2ViOTE0YWI5/view [zuletzt am 01.11.2020 aufgerufen]

Sahin, Erman:“Review Essay: The Armenian Question,” Middle East Policy, XVII-1, Spring 2010. https://www.mepc.org/review-essay-armenian-question [zuletzt am 01.11.2020 aufgerufen];

Gauin, Maxime: Review Essay “Proving” a “Crime against Humanity“? https://drive.google.com/file/d/0BzdlbFzESnuuYlV1U3RpazhadXc/view [zuletzt am 01.11.2020 aufgerufen]

[2] Avsar, Ferhat: Schwarzer Garten im Land des ewigen Feuers: Entstehungsgeschichte und Genese des Karabach-Konflikts, Manzara Verlag 2006; Walsh, Pat: Great Britain against Russia in the Caucasus: Ottoman Turks, Armenians and Azerbaijanis caught up in Geopolitics, War and Revolution, Manzara Verlag 2020.

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