In unserem heutigen Zeitalter fällt es immer weniger Menschen leicht, sich auf etwas zu konzentrieren. Schon fast konditioniert anmutende Symptome von einer abgelenkten Angestrengtheit zeichnen den Menschen des 21.Jahrhunderts in jedwedem Lebensbereich aus. Die unbewusste Routine, die verlernten Stunden der inneren Einkehr und die verlorenen Momente in denen ausschließlich die Selbstsucht regiert sind dem ehrlichen Zeitgenossen nicht unbekannt. Der oftmals stressige Alltagstrott hält uns regelrecht in seinem Bann und wenn wir doch einmal Zeit für uns haben oder unserem Ehepartner oder unseren Mitmenschen bewusst gelebte Empathie bescheren könnten, fällt uns ein sinnvoller Umgang mit der Zeit doch von Mal zu Mal schwerer.

In einer Epoche in der die zunehmende Kreuzung von Mensch und Computer offenbar wird, scheint es wirklich so zu sein, als ob die Menschheit gerade in unserer digitalisierten Lebenswirklichkeit allerorts gute Formen des Umgangs mit sich selbst, der Umwelt und der Zeit schrittweise verlernt. Die Wochen, Tage und Stunden fegen dahin, die Dunya hat uns gefangen genommen. Das Leben besteht immer aus Augenblicken, nur welcher dieser Augenblicke gehört endlich unserem Seelenheil?

Die hier angeführten Phänomene und Zeiterscheinungen sind bereits von unserem Propheten Muhammad (s.) als ein Zeichen des nahenden Jüngsten Tages beschrieben worden:

Der Prophet (s.) sagte: ‚Die Stunde wird nicht eher eintreffen, bis die Zeit zusammengerückt ist, sodass das Jahr wie ein Monat wird und der Monat wie eine Woche und die Woche wie ein Tag und der Tag wie eine Stunde und die Stunde wie die Dauer der Verbrennung eines Palmenblatts wird.‘

(Musnad Ahmad)

Diese Überlieferung sollte uns durch unser unmittelbares Erleben von einer rasant schneller werdenden Welt und das damit verbundene Zusammenrücken der Märkte (sprich: Globalisierung) im 21.Jahrhundert, sehr nachdenklich stimmen. Wir sollten unseren Umgang mit der ermüdenden Zeit also überdenken. Der Muslim führt einen stetigen Kampf zwischen dem hohen Anspruch der Religion und seiner immer mit Sünden und Unvollkommenheiten verschiedenster Arten durchzogenen Persönlichkeit. Ein Anspruch, der in heutiger Zeit kaum noch umsetzbar erscheint und einen zur Niedergeschlagenheit verführen kann.

Jeden Tag erleben wir die gleiche Wirklichkeit in vielgestaltiger Zerstreuung. Doch das daraus resultierende Zweifeln an der eigenen Aufrichtigkeit ist eine niedere Taktik vom Satan, mit dem Ziel uns hoffnungslos zu stimmen und im schlimmsten Falle die Reise zur wahren hingebungsvollen Gotteserkenntnis aufgeben zulassen. Wir sollten daher mit hartnäckiger Geduld, aber auch mit einer milden Nachsichtigkeit der eigenen Person gegenüber, nach der Maxime handeln, durch ein gesünderen Umgang mit der Zeit, jeden Tag das Beste in unseren Angelegenheiten zu geben und nicht sooft in die Profanität von vielen sinnbefreiten Handlungen zu fallen. Passieren wird es trotzdem noch oft genug, weil wir schliesslich unvollkommen erschaffen worden sind. Doch die Gnade von Allah(t) kennt keine Grenzen. Eine sehr bekannte Überlieferung besagt:

Der Prophet (s.) sagte: „Bei dem, in dessen Händen meine Seele ist, wenn ihr nicht sündigen würdet, so würde Allah euch durch ein anderes Volk ersetzen, das sündigt und Allah um Vergebung bittet, und Allah würde ihm vergeben.“

(Sahih Muslim)

Dieses stellt freilich kein Freifahrtschein dar, sich in falschen Verhaltensweisen zu suhlen und sich nicht der Problematik der Zeitvergeudung durch falsche Prioritätensetzung und den permanenten Dauerstresses der ständigen Erreichbarkeit zu stellen.

Dr. Amira Ayad berichtet in ihrem aufschlussreichen Buch „Die Heilung von Körper und Seele. Dein Führer zu ganzheitlichem Wohlbefinden, der den islamischen Lehren folgt“, dass zwei Wissenschaftler in den 70er Jahren die Menschen in zwei Charaktergruppen eingeteilt haben. Die Forscher Meyer Friedman und Ray Rosenman skizzieren in ihren Thesen Menschen mit dem „Typ-A-Verhaltensmuster“ und „Typ-B-Verhaltensmuster“. Menschen mit einem „Typ-A-Verhaltensmuster“ werden als spitzfingrig, cholerisch und aufmüpfig beschrieben. Schon bei kleineren Fehlern ticken sie schnell aus und sind deprimiert.

Personen mit „Typ-B-Verhaltensmuster“ sind sorgloser, weniger hitzköpfig und mental ausgeglichener. Grundsätzlich neigen Menschen des zweiten Typus dazu, sowohl physisch und psychisch, gesünder zu sein. Interessant auch: 2012 fanden Wissenschaftler der „University of Wisconsin-Madison“ durch eine repräsentativen Stichprobe heraus, dass Menschen, die angegeben hatten unter großen Stress zu leiden, in den folgenden neun Jahren ein bis zu 43%(!) höheres Risiko besaßen zu sterben. Und der bekannte Psychologe Richard Lazarus war der führende Verfechter der Ansicht, dass unsere subjektive Bewertung eines Lebensumstandes für den Stress sorgt und nicht die Situation an sich.1

Als Muslime wissen wir, dass uns die Religion zum Weg der Mitte, zur Ausgeglichenheit und der tugendhaften Geduld einlädt. Im Kontext von Rosenman’s und Friedman’s Erkenntnissen sollten wir also möglichst versuchen, unseren Charakter mehr in Richtung zum „Typ-B-Verhaltensmuster“ zu erziehen. Dem großen Leiden unter Stresssituationen und der dauernden Knappheit der Zeit, sollte durch die häufige Vergegenwärtigung des Umstandes begegnet werden, dass der Schöpfer uns nur das auferlegt, was wir auch schaffen können. Der von allen Muslimen bekannte Vers aus dem edlen Koran lautet dazu:

„Jeder soll aus seiner Fülle ausgeben, wenn er die Fülle hat; und der, dessen Mittel beschränkt sind, soll gemäß dem ausgeben, was ihm Allah gegeben hat. Allah fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was Er ihr gegeben hat. Allah wird nach einer Bedrängnis Erleichterung schaffen“

(Sure 65:7) 2

Die Verinnerlichung dieser Verse und die damit einhergehende ganzheitliche Betrachtungsweise auf unser Leben können ungemein entlastend wirken. Dazu sind die Ansichten von dem Wissenschaftler Lazarus durchaus stimmig. Sie decken sich mit der islamischen Perspektive, dass es immer auf uns selbst ankommt, was wir zum Problem, zu unserer Hauptbeschäftigung im Diesseits machen.3 Wenn wir das Jenseits als eigentliche, beständigere Dimension betrachten lernen und dieses als Hauptziel nicht aus den Augen verlieren, wird Allah(t) uns in unseren verworrenen Zeiten beistehen. Es steht geschrieben:

Der Prophet (s.) sagte: „Wer das Jenseits zu seiner Hauptbeschäftigung macht, dessen Herz befreit Allah vor Verlangen (setzt Reichtum ins Herz), richtet seine Angelegenheiten, und die Dunya (das weltliche Leben) kommt zu ihm (liegt ihm zu Füßen) obwohl sie abgeneigt ist. Und wer die Dunya zu seiner Beschäftigung macht, dem setzt Allah die Armut vor die Augen, bringt seine Angelegenheiten durcheinander, und es wird ihm nur soviel in der Dunya gegeben, wie es schon vorgesehen war.“

(Tirmidhi)

Versuchen wir einmal unser Leben wie die Häute einer Zwiebel zu betrachten: Wie sollte sie bestenfalls beschaffen sein? Der wahre Grund des Glücks, quasi der innerste Kern der Zwiebel, liegt immer in der Seele und in dem wertvollsten was Allah(t) uns beschert hat, unser zeitliches Dasein in der Dunya, begründet! Sind wir mit der Seele im Einklang, ist auch die Gesundheit von unserem Körper ausgeprägter. Dieses ist die Schicht der Zwiebel, die uns physische Zufriedenheit beschert. Schlussendlich werden wir auch nachhaltigere, äußerliche Zufriedenheit, die Erfüllung unserer persönlichen Wünsche in dieser Welt, besser erreichen können. Das ist die äusserste Schale der Pflanze. Lasst uns also unsere Seele in den Brennpunkt nehmen, damit wir leistungsfähiger zum Erfolg im Diesseits gelangen und letztlich damit auch unseren Stand im Jenseits beeinflussen können.

Doch wann können wir anfangen uns mehr in Harmonie mit uns selbst und der Zeit zu befinden? Es gibt immer nur den jetzigen Augenblick. Die eine Sekunde ist vorbei und ist bereits Vergangenheit. Die Zukunft ist noch nicht eingetreten. Der winzige Moment dazwischen, der ist es, in dem wir leben und unser Dasein für ein gottesfürchtiges Leben gestalten können. Dadurch haben wir die Möglichkeit in jedem Moment kraftvolle, neue Entscheidungen der guten Tat zu treffen. Wir haben die Chance innezuhalten und uns selbst wahrzunehmen und immer wieder unsere Absichten zu prüfen. Denn wollen wir weiterhin unserem wahren Selbst, die notwendige Konfrontation mit der eigenen Seele und dem unerlässlichen Zwiegespräch mit Allah(t) auf Grund von angeblich mangelnder Zeit ausweichen? Wollen wir tatsächlich weiter in der Ablenkung, durch rein äußerliche Berieselung, leben und in diesem Zustand – möge Allah(t) uns bewahren – sterben?

Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass die Dunya nicht der Ort der absoluten Glückseligkeit und der Stressfreiheit ist. Dieses ist allein dem Paradies vorbehalten.4 Trotz dessen gilt es das Optimum an sinnvoller Lebensgestaltung fern einer technokratischen Selbstoptimierung herauszuholen. Alles spricht dafür, dass dies nur durch eine entschiedene Stressreduktion und einer klaren Bewaffnung des Herzens durch glaubensstärkende Maßnahmen möglich ist.

1 1984: Stress, Appraisal and Coping.

2 Übersetzung: Frank Bubenheim und Dr. Nadeem Elyas

3 vgl.: Sure 53: 38-39

4 vgl.: Sure 56:25-26

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