Der Traum vom Kalifat ist für viele Muslime ein fest verankerter Bestandteil ihrer politischen Visionen. Stark verkürzt und deutlich zugespitzt lautet diese: „Wir Muslime brauchen nur endlich einen richtigen „islamischen Staat“, dann wird es mit uns wirtschaftlich, kulturell und in religiöser Hinsicht automatisch bergauf gehen“. Der Staat wird als Allheilmittel glorifiziert und ist der Kristallisationspunkt vieler gläubiger Menschen auf dem gesamten Globus. Dieses hypothetische Ideal ist sogar bei vielen islamischen Organisationen und Vereinigungen Hauptziel ihrer diesseitigen Taten. Egal ob wir nun in die Länder Europas, oder in die Länder des Mittleren und Vorderen Orients schauen, allerorts gibt es mal mehr oder mal weniger konkrete Bemühungen, so ein soziales Konstrukt, als Lösung der von Leid, Trauer und Armut gebeutelten muslimischen Ummah anzusehen.

Nur noch der Staat zählt

So verständlich mancherlei Träume eines islamischen Staates, dem Heilsbringer für eine bessere und glorreiche Zukunft für die Muslime im 21. Jahrhundert auch sein mögen, sie scheinen mittlerweile bei manchen Gruppierungen das alleinige Beschäftigungsfeld zu sein. Konkrete, vom edlen Koran und der Sunnah von unserem Propheten Muhammad (ﷺ) thematisierte Handlungen im zwischenmenschlichen Bereich, der Aufruf zum Islam, die anwendungsbezogenen gottesdienstlichen Handlungen werden vernachlässigt. Diesseitige Politik wird auf einmal wichtiger, als auf das Jenseits fokussierte Taten der Gottesfürchtigkeit. Dieses wird auch klar ersichtlich, wenn man sich die diversen Medienkanäle der jeweiligen Gruppierungen anschaut.

Das fehlende Bewusstsein für Theorie und Geschichte

Nun mag vielleicht ein aufrichtiger Muslim dem entgegenhalten: „Jeder tut was er kann. Jede Organisation hat ihren Aufgabenbereich in der islamischen Gemeinschaft“. Grundsätzlich ist diese Ansicht durchaus richtig. Problematisch ist aber das wenig bis gar nicht vorhandene staatspolitische Verständnis in vieler solcher Zusammenschlüssen von durchaus praktizierenden Muslimen. Damit sind nicht die Jenseits von Gut und Böse agierenden Anhänger des sogenannten „Islamischen Staates“ gemeint: Diese Terrorgruppierung hat keinerlei Achtung vor dem Leben, der Kultur und auch keinerlei Expertise von politischen Verständnissen.

Unabhängig davon, ist diese fehlende Befähigung ein weitverbreitetes Phänomen unter vielen Muslimen unserer Zeit, welches notwendigerweise mit einem mangelnden Geschichtsbewusstsein einhergeht. Jeder Mensch, der sich eingehender mit historischen Begebenheiten auseinandersetzt und sich mit der staatspolitischen Ideengeschichte beschäftigt, wird deutlich vorsichtiger in seinen Äusserungen. Leider wollen viele selbsternannte „Selfmade“-Staatsgründer einfach die Machtübernahme eines modernen Nationalstaates vollziehen, ohne zu wissen, dass ein solches Unterfangen sehr schwer bis gar nicht umsetzbar ist. Der Islamwissenschaftler Frank Griffel (*1965) sagt diesbezüglich:

„Da der moderne Nationalstaat erst durch den Prozess der Säkularisation entstanden ist, lässt sich ein solcher Staat ohne Säkularisation kaum aufrechterhalten.“ 1

Die Herkulesaufgabe der Errichtung eines Staates

Jedes Gebilde hat seine Prämissen und seine Notwendigkeiten, ohne die etwas nicht funktionieren oder in kürzester Zeit zusammenbrechen wird. Die Pluralität eines modernen Nationalstaates zeichnet sich eben durch zugespitzte gesellschaftliche Konfrontationen aus. Hypothetisch gesehen, ist die Errichtung eines Kalifats – dessen Konzeption unmittelbar mit dem Reichsgedanken verbunden ist – eine sehr große Herausforderung. Nur wie soll das in einer immer komplizierter und vernetzter werdenden Welt, einer Welt jenseits früherer feudaler und industrieller Jahrhunderte, vollzogen werden?

Von der Gleichgültigkeit zur Staatsgläubigkeit

In den muslimisch geprägten Ländern des Morgenlandes ist das europäische Staatsmodell erst im 19. Jahrhundert, in der Zeit des Hochimperialismus, langsam aufgekommen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden im Zuge des Sykes-Picot-Abkommen quasi über Nacht durch westliche Fremdbestimmung vielerorts neue Ländergrenzen gezogen und orientalische Lebensweisen und überlieferte Vorstellungen des sozialen Miteinanders nachhaltig aufgesprengt. Am Beginn des letzten Jahrhunderts konstatierte der deutsche Diplomat und Orientalist Hermann Heinrich Frank (*1853- gest. 1916) mit wachen Augen noch folgendes:

„Rede man dem Orientalen vom Staat, vom Vaterland, von der Gemeinde, von der Verwaltung. Er wird mit den Achseln zucken. Es wird ihm peinlich. Ja, der Staat muß wohl sein; sonst gäbe es ein politisches Durcheinander, man könnte dann gar nicht existieren. Also mag der Staat wohl sein, aber er wird als allgemeine Belästigung empfunden, nirgends als eine Förderung verehrt. […] Wo der Stammeschef oder Hausvater staatsrechtlich und mit einer Art Selbstverwaltung seine Interessen vertritt, da bieten die Familienbande eine gewisse Rechtsgewehr; aber darüber hinaus hat jede centralistische, auf einen Beamtenstaat gebaute Konstruktion jeder gesunden Unterlage entbehrt.“ (S.91f.) 2

Diese denkbar große Distanziertheit vieler morgenländischer Menschen gegenüber jeglicher Staatlichkeit in früheren Zeiten hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts sehr stark gewandelt. Zu seiner vollen Blüte gelangte gerade der Nationalstaatsgedanke erst in den letzten hundert Jahren – Schritt für Schritt nach dem Untergang des letzten Kalifats, dem Osmanischen Reich – durch selbst herbeigeführte Despotie orientalischer Machthaber.

So habe ich von einem Bekannten einmal erfahren, dass seine ebenso sehr praktizierende Ehefrau vollkommen unkritisch jeden einzelnen Präsidenten Ägyptens verehrt! Es schlägt sich eine mehr oder minder unbewusste Staatsgläubigkeit durch. Das Gleiche können wir auch bei dem Phänomen „Erdoğan “ in der Türkei beobachten. Jegliche Kritik an der AKP lässt einen sofort zum „Säkularisten“ werden, oder man bekommt einen schlimmen Vorwurf zu hören: „Du bist ein Volksverräter!“ Ein Sprachgebrauch, den man auch öfters von Rechtspopulisten hört.

Hier scheint insbesondere im 20. Jahrhundert eine ganz perfide Form der unbewussten Aneignung staatsphilosophischer Narrative durch die starke Prägung von kulturell-westlichen Vorstellungen stattgefunden zu haben. Man denke nur an den arabischen Sozialismus und die Jungtürken-Bewegung, die indirekte Beziehungen zur atheistischen Sozialdemokratie in Deutschland pflegte.

Den Idealen der Scharia folgen

Das oftmals idealisierte Osmanische Reich war als monarchistisches Reich ein Koloss, das im Sinne eines Vielvölkerstaates, gerade durch seine innenpolitische Toleranz und Akzeptanz regionaler Eigenheiten von Kultur und gelebter Religion solange überlebensfähig war. Könnte denn beispielsweise eine Art „Osmanisches Reich 2.0“ mit der damaligen Staatsform, der „konstitutionellen Monarchie“, die Lösung für die muslimische Gemeinschaft sein? Können so Kontrapunkte gegen die oftmals inhumane Politiken des Westens gesetzt werden? Wohl eher nicht: Der Reichsgedanke stellt sich in unserem globalisierten Jahrhundert, in dem sich der Nationalstaatsgedanke durchgesetzt hat, durch eine Vielzahl an Abhängigkeiten auf mehreren Ebenen und Seiten, de facto als ein kaum mehr realisierbarer Weg dar. Der durch seine kontroversen Veröffentlichungen in Erscheinung getretene Jurist und Experte für islamisches Recht Wael B. Hallaq (*1955) schreibt in seiner populärsten Schrift „The Impossible State“:

„Es gab nie einen islamischen Staat. Der Staat ist modern und mit modern meine ich nicht eine besondere zeitliche Einheit an irgendeinen Punkt auf der Chronik der Menschheitsgeschichte. Das Moderne ist eine spezifische Struktur von Beziehungen, welche sich als ein einzigartiges Phänomen auszeichnet. Sie stellt eine besondere Qualität dar.“ (S.48) 3

Wer sich ein wenig mit dem Denker Hallaq auseinandersetzt, wird erkennen, dass er kein Vertreter der religiösen Orthodoxie ist (eine Buchrezension zu „The Impossible State“ gibt es hier auf Englisch). Dennoch sollte der Muslim keine Scheuklappen bei seiner Reise zur Erkenntnis tragen. Es gibt undenklich vieles zu entdecken und für die „muslimische Sache“ zu kultivieren und fruchtbar zu machen. Um die Ideale der Scharia, die ein Segen für die Menschheit insgesamt darstellen, gerecht zu werden, muss mit aller Macht verhindert werden, dass „der Weg zur dauerhaft reinen Wasserquelle“ (so die eigentliche Bedeutung von dem Begriff Scharia) nicht in Despotie umgemünzt wird.

Von konkreten Gefahren

Die unkritische und unhinterfragte Treue zum modernen Staatsgedanken, ist eines der größten Probleme der Jetztzeit. So viele Potentiale liegen brach, da kein freiheitliches Denken mehr ohne Staatsgelehrsamkeit möglich erscheint. Wir sollten daher in erster Linie uns am Seil Allahs festhalten. Der Allwissende weiß, in was für Zeiten der politischen Verwerfungen wir leben.

Warum wird beispielsweise konkrete Geschwisterlichkeit vernachlässigt und stattdessen permanent virtuelle Kampagnen losgetreten? Geht es mehr um die jeweilige Organisation, oder um die Sache an sich? Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es geht in diesem Artikel nicht um das Zerschlagen von einem erklärlichen Ideal vieler Muslime. Aber was hilft es einen Traum zu haben, der im luftleeren Raum existiert und unreflektierte Vorstellungen von einem Kalifat durch oben genannte Gründe keine langfristige Zukunft haben werden? Schlimmer noch: Die unbedachte Adaption des modernen Nationalstaat-Gedankens in den Mantel eines Kalifats würde die bestehenden Krisenherde in der muslimischen Weltgemeinschaft vermutlich nur noch vergrössern.

Was wir tun können: Ein kleiner Ausblick in die Zukunft

Zuallererst scheint eine grundlegende Veränderung der Muslime, ein selbstbewussteres Auftreten in der Welt notwendig zu sein. Schon Muhammad Asad (*1900- gest. 1992) hatte dieses erkannt:

„Um die Wiederherstellung des Islam zu erreichen, müssen sich die Muslime, bevor sie irgendwelche Reformschritte gehen, völlig von der Verteidigungshaltung für ihre Religion befreien. Ein Muslim muss mit erhobenem Haupt leben. Er muss realisieren, dass er verschieden ist und sich von dem Rest der Welt unterscheidet; er muss lernen, auf seinen Unterschied stolz zu sein. Er sollte danach streben, diesen Unterschied als eine kostbare Eigenschaft zu bewahren und diesen der Welt kühn zu verkünden – anstatt sich dafür zu entschuldigen und andere Kulturkreise zu assimilieren.“ (S.91) 4

Es gilt ebenso als leidenschaftliche und praktizierende Muslime für die Zukunft neue und den islamischen Normen entsprechende Regierungsformen zu erdenken, sich mit metapolitischen Grundfragestellungen auseinanderzusetzen und dabei bestehende Theorien im Hinblick auf die islamische Normativität kritisch zu beleuchten.

Doch beginnt letztendlich jede grosse Veränderung mit einem Wandel im vermeintlich Kleinen. Deshalb: Engagiert euch in Vereinen, Bürgerbewegungen und Stiftungen. Setzt euch für die Verbesserung der Lage der Muslime in eurem persönlichen Umfeld im Hier und Jetzt ein. Dabei sollten wir eines nicht vergessen: Allah(t) prüft uns in erster Linie an Hand unserer Gottesdienste, des Charakters und der spirituellen Reinheit. Kein Kollektiv wird dich nämlich retten können. Kein herbeigesehntes Kalifat. Du wirst alleine vor deinem Schöpfer stehen.

In sha‘Allah werden in der Zukunft im Radio Uahid Blog weitere Beiträge zum Thema „Muslime und der Staat“ erscheinen. Zudem gibt es hier eine laufend erweiterte Liste mit weiterführender Literatur zu den Themen Staat, Kalifat, Islam und Moderne:

Who Wants the Caliphate?

 

Quellen:

1 Frank Griffel „Den Islam denken“, S.85

2 „Das Abendland und das Morgenland“ (1901)

3 Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament

4 Muhammad Asad, Islam am Scheideweg, S.91

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Nor Al-Deen ist dreißig Jahre Alt und vor über drei Jahren zum Islam konvertiert. Seit seiner Jugend- und Studienzeit ist seine Leidenschaft das journalistische Arbeiten und allgemeine Texten über Gesellschaft, Politik und Philosophie. Seit seiner Konversion hat er auf diversen Plattformen religiöse Beiträge verfasst und sich hauptsächlich mit Rezensionen von islamische Literatur beschäftigt, sowie sich in der Gattung der muslimischen Erzählung versucht. Für den Blog von „Radio Uahid“ wird er zukünftig regelmäßig Beiträge über religiöse Fragestellungen und kritische Anmerkungen zum Zeitgeist schreiben. Des Weiteren erwarten den Leser Kommentare zu aktuellen Geschehnissen aus muslimischer Perspektive. Kontakt: [email protected]

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