Islamfeindlichkeit in Europa. Wie sollte sich der Muslim verhalten?

Der Saal war zum Bersten gefüllt mit wiedererweckten Abendlandverteidigern im Pensionsalter, Anhängern der diffus unzufriedenen Reconquista-Jugend und einer zukünftigen „Elite“ wider der weltumspannenden Verschwörung der anti-abendländischen Koalition der öffentlichen Medienkartelle und der Zeitgeistpriester. Ein wildes Getose brandete um 18:00 Uhr auf, als die entseelten Blicke zu den Bildschirmen hoch starrten.

Jüngst gab es in zwei ostdeutschen Bundesländern Landtagswahlen, in denen die rechtspopulistische AfD ihre bisher größten Erfolge verzeichnen konnte. Eine Partei, die sich im Laufe ihrer Entstehung zunehmend radikalisierte und sich immer wieder dezidiert durch gezielte Kesseltreiberei gegenüber Muslimen hervortat. Wie ein Schwamm hat diese Partei Bürgerinnen und Bürger jeglicher Couleur aufgesogen, die sich mit der Globalisierung, der immer größeren Vielfalt von Lebenskonzeptionen und einer auf Zeitarbeit ausgelegte Wirtschaft überfordert fühlen. Doch durch mangelndes Geschichtsbewusstsein wird die offenkundige Demagogie der erhofften Staatspartei als messianische Heilsbringerin, die Unmöglichkeit einer absoluten Lösung durch ein „Rückwärts in die Zukunft“, nicht erkannt.

Jeder verständige und ehrliche Zeitgenosse wird die Sorgen vieler Protestwähler durchaus nachvollziehen können. Es wäre das vollkommen falsche Signal, diese Menschen zu stigmatisieren und ins Lächerliche zu ziehen. Denn gerade wir Muslime sind nicht nur immer die armen Opfer einer gezielten Scharfmacherei von PImaten und der zugegebenermaßen oftmals tendenziösen Berichterstattung vieler Nachrichtenkanäle über den Islam, sondern oft auch ein Stück weit mitschuldig an der wachsenden Eskalation zwischen den Kulturen und weltanschaulichen Verständnissen. So schrieb der konservative Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß schon im Jahre 2006:

Niemand von geradem Gewissen wird sich von der Köterspur des Rassismus samt seiner xenophoben Abarten reizen oder verführen lassen. Aber wenn sie den Sohn auf dem Fußballplatz ein „Christenschwein“ rufen, junge deutsche Türken, dann zuckt man zusammen, selbst wenn man sich zuvor nicht als Christ gefühlt oder bekannt hätte. Ein Widerwille gegen jegliche Form von religiöser Verunglimpfung ergreift einen, mit allen banalen Ansprüchen der Revierdominanz oder sogar mit einem Anflug von Reconquista-Groll.

(Der Konflikt, DER SPIEGEL 7/2006)

Solche Geschehnisse sind leider oftmals keine „Fake-News“ von Verschwörungstheoretikern, die gezielt Stimmung gegen Muslime machen wollen, sondern Alltag in vielen Großstädten der okzidentalen Zivilisationen. Gewahr dessen, dass es hundsgemeine Hetzberichte auch von den angeblich so seriösen Medienanstalten der dogmatischen Aufklärung existieren, verführen „Mobbing“ von Nichtmuslimen, Unhöflichkeiten, Respektlosigkeit und Kriminalität von Mitbürgern mit dem schönen Namen Muhammad, viele Menschen dazu, sich zu radikalisieren. Der Schritt zur Protestwahl, das niedere Kalkül „es den Muslimen einmal so richtig zu zeigen“, schlägt sich Bahnen. Das hängt also nicht mit der Dummheit und dem grundsätzlich angelegten Rassismus der bäuerlichen Kartoffelmenschen zusammen, sondern hat mit realen Alltagserfahrungen zu tun.

Andererseits existieren natürlich zusätzlich andere aufreibende Faktoren in Zeiten der rasanten gesellschaftlichen Verwerfungen und dem beständigen Dauerfeuer von unterschiedlichsten Kanälen auf alles „islamisch“ anmutende, die Islamhass, den Kampf zwischen Glauben und Unglauben, befeuern. Ein wesentlicher Aspekt ist natürlich der proklamierte Wahrheitsanspruch des Islams in einer entpflichteten und der enthemmten Hedonie anheimgefallenen Gesellschaft: Die selbstverständliche Öffentlichkeit von Religiosität der Muslime sorgt für pathologische Hysterie in der Mehrheitsgesellschaft. Der Anblick des kulturell Verlorenen im Anderen widergespiegelt zu bekommen, ist für manch einem aus unseren Breitengraden schwer erträglich. Die kulturelle Vitalität und auch die Fertilität von Muslimen ist evident und führt zu einem Unbehagen in vielen Ländern der westlichen Hemisphäre, in denen häufig nur noch Individualität, Konsum und epikureische Lustigkeit Motor des „ethischen“ Verständnisses sind. Immer schwerwiegender werden die Geschehnisse dieser Tage auch dadurch, dass sich angeblich europäisch-konservative Geister in unseren Gefilden, nicht mehr in der Lage sehen, ihrem eigenen Anspruch zu genügen und sich in vielen Fällen liberalistischen Narrativen je nach Laune bedienen und den konservativen Köpfen des Islams in den Rücken fallen. Dieses mündet in Reaktionen und Verhaltensweisen, die an eine proletarisierte Form der atheistischen „Neocons“ erinnern.

So geschehen vor einigen Wochen am Rande einer AfD-Demonstration. Erhitzte Dummköpfe, deren offensichtlicher Hass und einfältige Ignoranz schon in den Gesichtern erkennbar ist, provozieren und beleidigen eine Glaubensschwester. Hier wird schnell deutlich wie Gruppendynamiken, die Psychologie von Verhaltensmustern in der Masse, schnell in Handgreiflichkeiten entgleiten können. So wie das Wort „Christenschwein“ seine Wirkung entfaltet, ist die Beleidigung Kopftuchschlampe und die von den Leitmedien fast gänzlich ignorierten, immer öfter auftretenden Anschläge auf Moscheen im Westen, konkrete Niederschläge dessen, was wir unter dem Phänomen „clash of cultures“ kennen. Was bleibt von solchen Ereignissen? Ein zunehmendes Misstrauen, ein wachsender Zorn und ein weiterführendes Separieren von allen Seiten. Es bleiben aggressionsgeleitete Bevölkerungsgruppen zurück, die irgendwann zu einer affektiven, gesellschaftsübergreifenden Eruption führen könnten. Diese verworrene, dialektisch anmutende Konstellation, dem sprichwörtlichen Teufelskreislauf, gilt es endlich zu durchbrechen! Selbstredend ist natürlich, dass die explosive Stimmungslage, besonders in den europäischen Großstädten, auf facettenreichen Interdependenzen beruhen, die monokausale Lösungsformeln wie „die Muslime müssen sich einfach besser benehmen“, oder der einfache Vertreter des Abendlandes vom Dorf „muss einfach mehr mit Multikulti in Berührung kommen“, vollkommen unzureichend behandeln.

Der Kampf gegen den Islam ist seit Anbeginn der Menschheit am Bestehen und wird bis zum Jüngsten Tage fortdauern. Wo die Wahrheit strahlt, fällt viel Schatten und das in der Welt auch angelegte Böse durch die Leugnung des alleinigen Schöpfers, gilt es immer wieder als gläubiger Mensch zu ertragen – soweit wie möglich mit einem Lächeln im Gesicht. Fundamentale Gegensätze sind in der Konzeption der Dunya angelegt und werden sich nicht auflösen lassen. Ziel ist nicht im Gottesdienst die absolute Perfektion zu erlangen, oder wie im Zusammenhang der Islamfeindlichkeit die totale Friedfertigkeit zwischen den Gemeinschaften zu erreichen, sondern sich dem Ideal von gelebter Gläubigkeit durch ein aufrichtiges Streben immer wieder anzunähern. Die mit gewaltigem religiösem Lohn verbundenen Potentiale des freien Willens als Muslim gilt es zu nutzen!

Doch was bedeutet das konkret für den Muslim? Wer seine Religion in der Öffentlichkeit zeigt, trägt also eine oftmals unterschätzte Verantwortung. Beispielsweise repräsentiert eine Muslima allein schon mit einem simplen Kopftuch für den unwissenden Abendländler den Islam. Unsere Autorin Namika berichtet hier eindrücklich von ihren Erfahrungen. Selbstredend, dass wir nicht bloß aus Gründen der öffentlichen Wirksamkeit ein vorbildliches Verhalten kultivieren sollten. Dennoch ist es gerade in unseren schwierigen Zeiten umso wichtiger in Adab und der damit verbundenen Notwendigkeit von Bildung, Zeit zu investieren. Wenn wir uns als Muslime nämlich zum Besseren wandeln wollen, bedarf es endlich einer unbeschönigten Selbstanalyse und einer tiefgreifenden Charakterreinigung. Dieses wird unter der Voraussetzung der obligatorischen Geduld unserer charakterlichen Lauterkeit und letztlich der Gesellschaft zugutekommen. Gemäß den gewaltigen Worten Allahs im Quran:

Nicht gleich sind die gute Tat und die schlechte Tat. Wehre mit einer Tat, die besser ist, (die schlechte) ab, dann wird derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund. Aber dies wird nur denjenigen dargeboten, die standhaft sind, ja es wird nur demjenigen dargeboten, der ein gewaltiges Glück hat. 1

(Sure 41, Verse 34-35)

In der prophetischen Tradition heißt es ferner:

Abud-Darda‘ (r.) überliefert, dass der Prophet (s.) sagte: „Nichts wiegt am Tag des Gerichts in der Waagschale eines Gläubigen schwerer, als das gute Benehmen; denn Allah verabscheut denjenigen, der unanständig und schamlos ist.“

(At-Tirmidhi) (hasan sahih)

Lasst also unsere Herzen – wie die offensichtlichen Gegner des Islams auf der Straße und in der Politik ihre Böswilligkeit im Herzen tagtäglich nähren – nicht blind werden voller Hass und Zorn auf die Mehrheitsgesellschaft! Bei manchen Menschen ist höchstwahrscheinlich kein Gesinnungswandel mehr zu erreichen, aber wir sollten nicht mit Feindseligkeit auf die Menschen eingehen, sondern das persönliche Irregehen derjenigen bedauern und vielmehr für sie Bittgebete sprechen. Was für ein unbewusstes Leid müssen diese Leute erleben, wenn sie den Islam verteufeln und sich letztlich nur selber damit schaden!

1 Übersetzung: Frank Bubenheim und Dr. Nadeem Elyas

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